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21. April 2020  /  Allerlei Kunst und Kultur

Tiere und ihre Bedeutung im Mittelalter

Tiere und ihre Bedeutung im Mittelalter

Tiere nehmen bereits seit Menschengedenken einen besonderen Stellenwert ein. Dies war schon so im Mittelalter, wo vor allem Tiere die für die Nutztierhaltung wichtig waren, hervorstechend. Dazu gehörten nicht nur der „beste Freund des Menschen“, also der Hund, sondern auch Ochsen, Pferde und natürlich das Schwein. Diese dienten in erster Linie zur Bewirtschaftung des Hofes, als Fortbewegungsmittel oder als Hüter oder Jagdgefährte.

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Allerdings galten Tiere in diesem Zusammenhang nicht nur als Wert oder Eigentum. Sie galten auch als dessen Zerstörer. Besonders der Wolf hatte einen schlechten Ruf und im geringen Maße auch das Wildschwein sowie der Bär. Soweit unterscheidet sich diese Vorstellung nicht zum Teil von unseren jetzigen. Auch heute wird der Wolf (vollkommen zu unrecht) verteufelt und als Gefahr angesehen, wodurch die Rechtfertigung entsteht ihn erlegen zu dürfen.

Der Wolf im Mittelalter ist eine immer wieder kehrende Bedrohung

Der Wolf im Mittelalter ist eine immer wieder kehrende Bedrohung

Verbrechen und Tiere

Ein Punkt, in dem uns das Mittelalter „fremd“ erscheint und sich sehr von unserer aktuellen modernen Vorstellung unterscheidet, ist das Recht. Tiere wurden nicht nur in Hinrichtungsprozessen gegen Menschen benutzt (z.B. Tod durch Vierteilung). Auch sie selbst wurden im Rahmen von teuren Verfahren als Verbrecher angeklagt und verurteilt in Haft genommen. Im schlimmsten Fall wurden Tiere sogar hingerichtet.

Ab dem 13. Jahrhunder kam es besonders in Deutschland, aber auch in der Schweiz zu vielen Tierprozessen. Anfangs wurden diese Prozesse von weltlichen, später von kirchlichen Gerichten geführt wurden. Besonders Schädlinge wie die Heuschrecken wurden vor kirchliche Gerichte gestellt. In diesem Aspekt werden Tiere also zum Teil wie Menschen behandelt und dürfen verurteilt werden.

Heuschrecken waren eine Bedrohung, da sie Ernten vernichten konnten

Heuschrecken waren eine Bedrohung, da sie Ernten vernichten konnten

An diesem Punkt stellt sich natürlich die Frage in wieweit zoologisches Wissen über Tiere bereits im Mittelalter vorhanden war, welches tierisches Verhalten in gewissen Maßen erklären konnte. Allgemeine Popularität rief das im ca. 2. Jahrhundert in Alexandria verfasste „Physiologus“ hervor. Es entstand im Kontext der ersten frühchristlichen Gemeinden. Neben dem einleitenden Bibelzitat folgt eine Darstellung des Tieres, welches auf theologische Weise noch einmal ausgelegt wird. So heißt es zum Beispiel beim Löwen:

„Wenn der Löwe schläft, hält er die Augen offen. Dies ist ein Zeichen für den auferstehenden Christus, der nur im Fleische schlief, aber in seiner Gottheit erwachte.“

Somit konnte ein Tier sowohl für das Göttliche und Gute stehen oder auch für das Teuflische. Interessant ist, das im Kontext des „Physiologus“ ein und das selbe Tier sowohl für Gott als auch den Teufel stehen konnte. Diese Einteilung in Gut und Böse eines Tieres ist auch mit Moralvorstellungen verbunden. So wird gleich zu Anfang geklärt, welche Tiere „gut“ und welche „böse“ waren.

Wegbereiter der Zoologie?

Erst mit voranschreitender Zeit verließen sich Verfasser von zoologischen Texten mehr auf empirische Analysen, als auf geistliche Auslegungen. Dabei stützten sie sich meist auf die Schriften griechischer (z.B. Aristoteles) Philosophen.

So stützte sich Hrabanus Maurus auf die Grundlage des alexandrineschen Philosophen Isidor und schuf sein „De rerum naturis“ (842 – 846).  Darauf folgten weitere zoologische Schriftstücke wie das  „Speculum naturale“ (1256 – 1259) des Dominikianers Vinzenz von Beauvais.

Hrabanus Maurus

Hrabanus Maurus (links)

Wissensvermittlung und Unterhaltung

Hieraus entstand jedoch ein Problem, welches sich durch das gesamte Mittelalter und die frühe Neuzeit zog. Nur die Oberschicht sowie Mönche, welche Schriften niederschrieben waren des Lesens mächtig. Der Mittelschicht und Unterschicht hatten demnach nicht die Möglichkeit sich das Wissen in diesen Werken anzueignen.

Aus diesem Grund erzählten sie sich Geschichten, in denen Tiere vorkamen. Diese Werke waren vor allem der Fabel oder dem Tierepos zuzurechnen. Tiere verkörpern hier bestimmte Moralvorstellungen und Menschentypen und sollten somit der Aufklärung, aber auch zur Unterhaltung des Volkes beitragen.

Die Geschichte von Fuchs und Wolf

Ein beliebtes Stilmittel ist die sogenannte Fuchsepik, die von der Feindschaft zwischen Wolf und Fuchs erzählt. Die ersten beiden Tierepen, die bereits Elemente dieser Fuchsepik in sich tragen sind „Ecbasis cuiusdam captivi per t(r)opologiam“ (1043/46) sowie „Ysengrimus“ (1148/49).

Allerdings ändert sich dies mit dem französischen Roman „Roman de Renart“, welche als direkte Fortsetzung des „Ysengrimus“ zu verstehen ist. Hier wird die Fehde zwischen dem Fuchs Renart und dem Wolf Isengrin vorausgesetzt. Diese Geschichte erzählt die Verführung und spätere Misshandlung von Isengrins Gemahlin Hersant vor den Augen des Gemahls durch den Fuchs Renart.

Buchmalerie aus dem Roman de Renart

Buchmalerie aus dem Roman de Renart

Aus Zorn wollen Isengrin und Hersant ihr Recht einklagen. Es kommt zum Prozess, der von dem Löwen geführt wird, der jedoch auf Renarts Seite steht. Zwar versucht Isengrin den Fuchs mittels einer List zur Rechenschaft zu ziehen. Jedoch durchschaut dieser die List und kommt ungeschoren davon. Anders als sonst wird der Wolf hier als Opfer dargestellt, der zwar als böse gilt, jedoch nichts böses im Schilde führt.

Das Mittelalter beeinflusst unser heutiges Denken über Tiere

Diese Geschichte von Isengrin und Renart prägt auch noch heute unser Bild. So ist der Spitzname des Wolfes noch heute eine Abwandlung seines Originalnamens und wird im Volksmund auch gerne als „Isegrim“ bezeichnet. Auch Harry Potters „Grim“ könnte ein Hinweis auf die missverstandene Figur des Isengrin sein; gilt der Grim in der Harry Potter-Welt nicht als Zeichen des Todes.

Geschichte und Zoologie haben demnach einige markante Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Sie sollen bis zu einem gewissen Grad Moral und Werte vermitteln, um für eine gute Gesellschaft zu sorgen. Noch heute dienen Fabeln für diesen Zweck, auch wenn die wissenschaftliche und empirische Forschung zu Tieren um einiges weitreichender ist, als damals im Mittelalter.

 

Bildquelle 1: Codex Manesse, https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0713/image
Bildquelle 2: Condorcantiae caritatis des Ulrich von Lilienfeld, Niederösterreich; Stiftsbibliothek ; cod. 151 ; fol. 134v und 164v, um 1350
Bildquelle 3: Bayerische Staatsbibliothek, Schedelsche Weltchronik, http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00034024/image_534
Bildquelle 4: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Hrabanus_Maurus#/media/Datei:Raban-Maur_Alcuin_Otgar.jpg
Bildquelle 5: Roman de Renart, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b60004625/f123.item
Literatur: Obermaier, Sabine, Tiere und Fabelwesen im Mittelalter, Berlin: Walter de Gruyter GmbH, 2009